Der Fall Krumm/Schwabel – Eine Achterbahnfahrt der Gefühle vor dem Landgericht Ulm (Bericht der AG II)

Ein Bericht von Timo Hartmann für die BILD am Samstag

Ulm – Am Dienstag, den 17. 10. 2017 um 9 Uhr ereignete sich vor der 4. Zivilkammer des Landgerichts Ulm ein Verfahren, dem selbst das Wort „ Jahrhundertprozess“ nicht völlig gerecht werden kann. Auf den ersten Blick mag das Geschehen für den geneigten Leser recht unspektakulär klingen: Die Klägerin, Frau Heidi Krumm, verlangte vom Beklagten, Herrn Wido Schwabel, ihren elektrischen Bauchmuskeltrainingsgürtel im Wert von 500 € heraus. Sie habe ihn ihm nur leihweise überlassen. Der Beklagte hingegen ist überzeugt, dass ihm der Gürtel geschenkt wurde, insbesondere, da er ihm auf seiner Geburtstagsfeier überlassen worden war.
Sie, liebe Leserinnen und Leser, werden sich nun vielleicht fragen: Warum wird ein so unbedeutender Prozess vor einer Kammer des Landgerichts verhandelt und nicht vor dem Amtsgericht? Und auch Ihr bescheidener Reporter war sich nicht ganz sicher, was genau es hier Faszinierendes zu berichten geben sollte. Doch es sollte schnell klar werden, dass es hier nicht um materielle Werte ging, sondern um einen Rosenkrieg der emotionalsten Sorte, dem selbstverständlich nur eine Kammer aus drei Berufsrichtern beikommen konnte. Es kam daher niemand auf die Idee, die Zuständigkeitsfrage auch nur aufzuwerfen.
Bereits beim Betreten des ehrwürdigen Gerichtssaals mit der Nummer 214 war an diesem kühlen Oktobermorgen eine besondere Atmosphäre zu spüren. Klägerin und Beklagter nebst Rechtsanwälten saßen sich bereits gegenüber, in den Augen eine Kälte, die auf tiefe Enttäuschung, ja sogar Hass schließen ließ. Im Kontrast dazu machten die Anwälte einen völlig ruhigen, fast berechnenden Eindruck, gehüllt in ihre tiefschwarzen Roben, bereit bis aufs Blut für die Interessen ihrer Mandanten zu kämpfen.
Anscheinend hatte sich die Kunde von dem Schauspiel, das sich hier gleich entfalten würde, auch schon durch ganz Ulm verbreitet, denn der Zuschauerraum war prall gefüllt mit Schaulustigen, die sich vor Spannung kaum in ihren Sitzen halten konnten. Ihr Reporter hat diese Gelegenheit selbstverständlich zu Interviews mit einigen Zuschauern genutzt, um Ihnen ein Bild von der vorherrschenden Stimmung vermitteln zu können. Die Befragten geizten hierbei nicht mit Beschreibungen wie „besser als die Geburt meines Kindes“ oder Ähnlichem. Und dies kann Ihr Reporter nur bestätigen.
Die Luft brannte förmlich vor Spannung, die Parteien tauschten hasserfüllte Blicke aus, die Zuschauer wurden immer unruhiger und man musste fast schon Aufstände befürchten. Diese Stimmung bestärkte das Gericht noch durch eine Verspätung, die den aufgeregten Anwesenden wie eine unendlich lange Zeit vorkam. Doch als sich die Tür zu den Richterplätzen öffnete, kippte die Stimmung schlagartig. Ein Schleier respektvoller Stille legte sich über den Saal und alle Anwesenden erhoben sich ehrfürchtig von ihren Stühlen, während die drei Richter ihre Plätze einnahmen.
Dann eröffnete die vorsitzende Richterin die Verhandlung mit einer in der gegenwärtigen Situation äußerst bewundernswerten Ruhe. Es wurde zunächst die streitige Situation kurz dargelegt, die vier erschienenen Zeugen zur Wahrheit belehrt und anschließend der Versuch gestartet, eine gütliche Verhandlung zu führen.
Als erste durfte die Klägerin Krumm ihre Geschichte von dem nur geliehenen Gürtel ausbreiten. Der Gürtel hätte angeblich zurückgegeben werden sollen, als Geburtstagsgeschenk sei eigentlich ein Tischkicker angedacht gewesen. Auch erfuhr die schockierte Zuschauerschaft, dass zum Zeitpunkt der Übergabe des Gürtels noch eine Liebesbeziehung zwischen den beiden Parteien bestanden hatte. Die sachliche Schilderung trat hierbei schnell in den Hintergrund und wich Vorwürfen von Gier und Geisteskrankheit sowie wüsten Beschimpfungen gegen den Beklagten, die ich Ihren empfindlichen Augen an dieser Stelle ersparen möchte, liebe Leserinnen und Leser. Richter und Anwälte versuchten zwar noch, mit sachlichen Fragen der Wahrheit auf den Grund zu gehen, doch stellten schnell die Aussichtslosigkeit dieses Vorhabens fest. Hier sollte es nicht um das Recht gehen, sondern um Wiedergutmachung für Kränkungen im Rahmen einer zerbrochenen Beziehung.
Die Schmerzen besagter Trennung waren auch dem Beklagten Schwabel in seiner nun folgenden Schilderung anzumerken. Er führte zunächst aus, der Gürtel sei sein Geburtstagsgeschenk gewesen, andere Geschenke habe es nicht gegeben. Doch auch hier musste die Sachverhaltsdarstellung schnell Anschuldigungen von Alkoholismus und Völlerei gegen die Klägerin weichen. Dem Gericht gelang es ebenfalls trotz größter Bemühungen nicht, die Anhörung wieder in sachdienlichere Bahnen zu lenken.
Ob dieser deutlichen, tief verwurzelten Abneigung zwischen den Parteien, die durchaus auch das ein oder andere Raunen aus dem Zuschauerraum hervorbrachte, erkannte das Gericht schnell, dass eine rationale Einigung hier ausgeschlossen erscheint. So trat man nun in die streitige Verhandlung ein, in der nach Stellung der Anträge durch die Rechtsanwälte die geladenen Zeugen angehört wurden.
Den Anfang machten die beiden Zeugen der Klägerseite, Herr Bräd Bitt und Frau Angela Schollie. Beide schienen zunächst die Geschichte der Klägerin zu bestätigen. Jedoch gelang es dem Gericht in einem messerscharfen Kreuzverhör, einige Widersprüche in den Aussagen aufzudecken. Insbesondere herrschte Uneinigkeit zwischen den Zeugen, wie genau denn nun der vermeintliche Tischkicker hätte besorgt werden sollen. Fast so, als hätte die Klägerin diese Geschichte erst kurz vor der Verhandlung erfunden. Aber Ihr Reporter will an dieser Stelle natürlich niemandem etwas unterstellen, liebe Leserinnen und Leser.
Außer diesen Unklarheiten gelang es dem investigativ sehr begabten Gericht unter aufgeregtem Tuscheln im Zuschauerraum auch aufzudecken, dass die Zeugin Schollie eine gute Freundin der Klägerin aus Studiumstagen und der Zeuge Bitt sogar aktuell mit der Klägerin liiert ist. Aufgrund dieser Näheverhältnisse schätzte das Gericht die Glaubwürdigkeit der Zeugen offenbar als nicht besonders hoch ein. Hinzu kam noch, dass der Zeuge Bitt sich momentan in Untersuchungshaft befindet und jede Aussage zu der ihm vorgeworfenen Tat verweigerte. Die diesbezüglichen Theorien der Zuschauer reichten vom Diebstahl zweier Rassegoldfische bis hin zum grausamen Mord an einer vierköpfigen Familie sowie zwei süßen Hundewelpen. Zwar ließ sich bisher keine dieser Theorien beweisen. Jedoch ist eindeutig, dass der Zeuge Bitt es mit dem Gesetz, und damit auch mit der Wahrheitspflicht, nicht allzu genau nimmt.
Offensichtlich vollkommen schockiert von den beiden Aussagen geriet der Beklagte Herr Schwabel in schwere Atemnot. Er erlitt einen heftigen Hustenanfall, der es ihm unmöglich machte, den Prozess fortzusetzen. Die Verhandlung musste daher für 30 Minuten unterbrochen werden, was auch dazu beitrug, das extrem aufgeheizte emotionale Klima im Gerichtssaal etwas herunterzukühlen.
Bei Fortsetzung der Verhandlung wurden dann die beiden Zeugen der Beklagtenseite, Frau Helene Fischler und Herr Roland Kraiser, vernommen. Diese unterstützten die Sichtweise des Beklagten, indem sie sich sicher waren, dass es sich bei dem Gürtel um ein Geburtstagsgeschenk handelte, insbesondere da es einen Tischkicker nie gegeben habe. Herr Kraiser verwies sogar mehrfach darauf, dass alle anderen Zeugen stark alkoholisiert waren und nur er als Fahrer überhaupt glaubhaft aussagen könne. Doch ließ sich das Gericht auch von diesen überzeugend anmutenden Worten nicht blenden. Es konnte herausfinden, dass Frau Fischler die aktuelle Lebensgefährtin und Herr Kraiser ein guter Freund des Beklagten ist. So sahen sich die Richter erneut parteiischen Zeugen gegenüber, deren Glaubwürdigkeit ersichtlich zweifelhaft war.
Mit diesen leider recht unergiebigen Erkenntnissen war bereits das Ende der Beweisaufnahme gekommen. Die Zuschauer konnten den Richtern ansehen, dass für sie aber noch nichts wirklich bewiesen war. Man schien also wieder am Anfang zu stehen. Jedoch war doch etwas zu spüren. Etwas hatte sich geändert. Der flammende Hass zwischen den Parteien hatte sich merklich abgekühlt. Ob dies an den Strapazen der langwierigen Beweisaufnahme lag oder einfach daran, dass endlich einmal wieder über die gemeinsame Zeit nachgedacht wurde, vermag Ihr Reporter an dieser Stelle nicht zu entscheiden. Ein Effekt war aber deutlich spürbar.
Und dies war selbstverständlich auch dem aufmerksamen Gericht nicht entgangen. Es nutzte sofort die sich bietende Gelegenheit, um noch einmal zu einer gütlichen Einigung aufzurufen. Und tatsächlich: Die kurz zuvor noch so zerstrittenen Parteien verhandelten, unter den ungläubigen Blicken sämtlicher Zuschauer, ja sogar ihrer eigenen Rechtsanwälte. Und sie verhandelten nicht nur, nein, sie erzielten sogar eine Einigung: Der streitgegenständliche Bauchmuskelgürtel sollte an die Klägerin zurückgegeben werden, im Gegenzug sollte der Beklagte einen Ring von 1795, der sich seit Jahrhunderten im Besitz seiner Familie befand und den er der Klägerin geschenkt hatte, zurückerhalten.
Diese Einigung mag zwar, angesichts des vermeintlich unschätzbaren Wertes des Ringes, nicht wie der klügste Schachzug der Klägerin wirken. Jedoch achtete in diesem Moment niemand in diesem Gerichtssaal mehr auf wirtschaftliche Konsequenzen. Zu groß war das Erstaunen über das, was hier vorgefallen war. Bei dem zu Beginn noch spürbaren Hass erschien eine Einigung faktisch ausgeschlossen. Und nun, nach nur einer Gerichtsverhandlung, konnte das Kriegsbeil begraben und eine für beide Seiten akzeptable Einigung erzielt werden. Die Gesichter aller Anwesenden waren gezeichnet von Überraschung, aber auch Freude über eine solche Versöhnung.
Letztendlich schloss die vorsitzende Richterin, sichtlich zufrieden mit der geleisteten Vermittlungsarbeit, die Verhandlung nach kurzer Unterbrechung mit der Aufnahme des eben formulierten Vergleichs in das Verhandlungsprotokoll ab.
Und so endete eine der emotionalsten und spannendsten Gerichtsverhandlungen, denen Ihr bescheidener Reporter jemals beiwohnen durfte, liebe Leserinnen und Leser. Mit einer Einigung zwischen zwei Menschen, zwischen denen niemand mehr eine solche erwartet hätte. Über den weiteren Fortgang dieser wunderschönen Geschichte von Liebe, Hass und Versöhnung werden wir Sie selbstverständlich wie immer brandaktuell informieren, soweit Sie, wie ich hoffe, unserem Blatt die Treue halten.

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